04 Februar 2016

Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf - Inspiration mit der bitteren Zuckerpille


»Arbeitund und Struktur« ist das Blog des deutschen Autors Wolfgang Herrndorf gesammelt zwischen zwei Buchdeckeln. Nachdem Herrndorf im Februar 2010 die Diagnose eines unheilbaren Hirntumors erhielt, beschloss er zu schreiben, daraus entstand das namensgebenden Motto unter dem er den Rest seines Lebens verbrachte: Arbeit und Struktur



Mein erster Eintrag für die Kategorie „Geliebt“ ist genau nach meinem Geschmack: Süß und Schmerzlich.

»Arbeit und Struktur« von Wolfgang Herrndorf ist eines der Bücher, die mich jedes Mal zum Schreiben drängen. Aus unerfindlichen Gründen ziehe ich sehr viel Inspiration aus den Worten sterbender Menschen und dieses Buch war ein prall gefüllter Kelch. 

Erst vor Kurzem habe ich erfahren, dass es das Blog zu diesem Buch immer noch im Internet zu finden gibt und ich verspüre immer wieder den Drang, Lieblingspassagen aufzusuchen. 

"Mit dem Fahrrad zu C., als fahre man in die Vergangenheit. Der Geruch des Sommers drückt dunkel und breit aus den Flächen hoher Bäume, auf die es den ganzen Tag geregnet hat. Die vertrauten Ausblicke über Brücken, Kanäle und Wege sind nicht mehr so schön wie früher, als ich noch keine Terrasse hatte."

Das wohl stärkste Element des Buches ist der Schreibstil. Kurz und Knapp, an manchen Stellen kommt er fast schon lakonisch daher und trotzdem erschaffte Herrndorf wunderbare Wortkonstrukte, die man als Leser richtig genießen kann. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich das Buch aufschlage, weil mich die Geschichte so reizt oder weil ich den Klang von Herrndorfs Erzählstimme in meinem Hinterkopf vermisse.

Die Rückblenden in seine Jugend und das Netz aus Gedanken, das manchmal ganze Seiten füllt, vervollständigen das Bild was man nach und nach von Herrndorf bekommt und ich gebe zu, dass er mir dadurch sehr sympatisch war und unglaublich nahe gegangen ist.
"Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet. Als in Garstedt das Strohdachhaus abbrannte, als meine Mutter mir die Buchstaben erklärte, als ich Wachsmalstifte zur Einschulung bekam und als ich in der Voliere die Fasanenfedern fand, immer dachte ich zurück, und immer wollte ich Stillstand, und fast jeden Morgen hoffte ich, die schöne Dämmerung würde sich noch einmal wiederholen."
Es gibt drei konkrete Sachen, die ich an diesem Buch liebe. Als erstes liefert Herrndorfs sehr interessante Fakten über seine Raumforderung (das neue Wort für Tumor), die sogar ein bisschen unterhaltsam sind. Das Zweite ist sein herrliches Interesse an Büchern und der Schriftstellerei. Er berichtet immer wieder über seine Lieblingsautoren, äußert seine Meinung über berühmte Werke, blick darauf zurück, wie die Bücher ihn als junger Mensch geprägt haben und erzählt Anekdoten aus dem Lektorat seiner eigenen Werke. Das dritte ist das hautnahe miterleben von Verrücktheit - was an manchen stellen sogar sehr witzig ist. Nachdem ihm Teile aus seinem Gehirn erfernt werden, landet er ein paar mal in der Neuropsychiatrie und man bekommt richtig den geistigen Verfall mit, bis zu einem Punkt, an dem er die Grenze zum Wahnsinn überschreitet. Ich hoffe es ist nicht unangebracht wenn ich hier gestehe, dass ich das absolut faszinierend und hervorragend dargestellt fand.

Das Buch spult nicht nur die letzten Monate von Herrndorfs in Tagebuchform ab, sondern ist ein Zeugnis von literarischem Erfolg, eine Reflektion über das eigene Leben, das Hin und Her von Todesgedanken und vor alledem was es heißt, Mensch zu sein – und das alles ohne künstlich auf die Tränendrüse zu drücken. Mit sehr viel Liebe aber auch Sachlichkeit schreibt er über Freunde, Ärzte, der Vergangenheit und immer wieder über Literatur und wie das Arbeiten an seinen Büchern (Tschick, Sand und Bilder deiner großen Liebe) zum roten Faden seiner letzten Tage wurde.


Von mir, eine absolute Empfehlung ♥

Kommentare

  1. Hallo Cassy ^^

    Erst letzte Woche habe ich in einem Seminar in der Uni von dem Buch bzw. Blog gehört - es ist wirklich interessant, mehr darüber zu erfahren :)

    LG, Sabrina

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  2. Ich kann dir da nur voll und ganz zustimmen. Ein unglaubliches Buch, ich würde es schon fast Werk nennen. Eines der besten Beispiele auch dafür, was Authentizität mit einer Geschichte oder Erzählung macht. Was Leidenschaft bewirkt und was es heißt sich seiner Leidenschaft zu verschreiben. Hat auch in meinem Bücherregal einen Ehrenplatz.

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